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ECLAT Konzert 2b

Stuttgart / Theaterhaus / T1

François Sarhan : La Philosophie dans le Boudoir
Musiktheater (2015/16) UA

 

Musik, Bühnenbild, Konzept, Textkompilation, Animationsfilme: François Sarhan

Kostüme: Katharina Müller
Licht: Mathieu Arnal und Ingo Jooß
Performance in den Animationsfilmen und Masken: Janina Akhmetova
Übersetzungen und Einrichtung Libretti: Titus Selge
Zuspiel Übertitel: Marc Reichow
Videotechnik: Matthias Schneider-Hollek
Projektmanager: Jakob Berger

 

Neue Vocalsolisten
Johanna Zimmer, Sopran: Ulrike Meinhof, Mme de Mistival, Mme M.
Susanne Leitz-Lorey, Sopran: Klaus Croissant, Eugénie, CEO
Truike van der Poel, Mezzosopran: Staatsanwalt, Mme de St. Ange, CEO
Martin Nagy, Tenor: Staatsanwalt, Le Chevalier, Patrick le Lay
Guillermo Anzorena, Bariton: Prinzing, Dolmancé, Alexandre de Juniac
Andreas Fischer, Bass: Buback, Dolmancé, Charles Koch

 

Eine Produktion von Musik der Jahrhunderte

 

François Sarhan (*1972 in Rouen) studierte Komposition bei Brian Ferneyhough, Jonathan Harvey, Magnus Lindberg, Philippe Manoury, Tristan Murail und Guy Reibel. Von 1999 bis 2002 besuchte er Jacques Roubauds Seminare über komparative Poetik an der Ecole des Hautes Etudes Paris. Sarhan unterrichtete von 1998 bis 2002 am IRCAM Paris, ab 1999 an der Marc Bloch Universität in Straßburg und seit dem Wintersemester 2014/15 an der UdK Berlin. Er schrieb eine History of Music (2002 herausgegeben bei Flammarion, Paris) und ist Initiator des Künstlerkollektivs CRWTH, das sich seit 2000 der Performance von Multimediaprojekten widmet.
Sarhan ist auch bildender Künstler, Enzyklopädist im surrealistischen Sinne. Seine eigenen, meist musiktheatralischen oder multimedialen Projekte gestaltet er als Performer, Regisseur, Filmemacher und Bühnenbildner. Schon bei seiner Kammeroper King Lear (2006-10) verantwortete er die Regie und die Filme. Im Jahr 2008 arbeitete er zusammen mit dem südafrikanischen Künstler William Kentridge an dem Projekt Telegrams from the Nose, das mehr als 30mal innerhalb Europas gezeigt wurde. 2010 produzierte er eine Show mit Filmen und Texten von Jan Svankmajer. Ausstellungen jeweils neuer Aspekte seiner Kunst (Videos, Collagen, Kunstbücher) fanden u.a. in Johannesburg, Paris (2012), Prag (2012) und Gent (2014) statt.

 

La Philosophie dans le Boudoir
Hauptthema des Musiktheaters ist Unterdrückung. Druck, der durch eine Gruppe auf ein Individuum ausgeübt wird. Noch spezifischer: auf eine Frau durch eine Gruppe von Männern. Dieses Generalthema wird in drei verschiedenen Kontexten entwickelt: die Welt der Global Players, der RAF-Prozess gegen Ulrike Meinhof und de Sades „Philosophie im Boudoir“. Für jeden dieser Kontexte wird eine Handlung in Form eines Librettos entwickelt.

Die Szene: ein Tisch in der Mitte des Raumes, darüber hängt eine Skulptur. Die Zuschauer blicken aus drei Perspektiven auf das Geschehen. Die Akteure am Tisch kommunizieren in einer erfundenen Sprache. Diese wird übersetzt und aus den jeweiligen Perspektiven des Raums als Übertitel auf die Skulptur projiziert. Es sind drei völlig verschiedene Übersetzungen – drei Libretti, drei Plots. Jedes Drittel der Zuschauer erlebt also eine eigene Interpretation des Geschehens. Kann man für drei radikal unterschiedliche Handlungen und Kontexte nur eine Musik, eine Inszenierung machen, ohne auf destruktive und kontraproduktive Widersprüche zu stoßen? Es wird dadurch möglich, dass die Bedeutung der Texte indifferent ist oder zumindest ohne direkten Zusammenhang mit Musik und Szene. Die drei Versionen sind zwar so radikal unterschiedlich, dass sie manchmal zu einem absurden oder unrealistischen Verhalten der Sänger in Relation zum Plot, zum jeweiligen Libretto führen. Aber die Simultaneität der Texte mit der Musik und der Aktion schafft eine Einheit, einen Sinn und bildet eine „Realität“. In jedem Fall ist die Zielrichtung des Stücks klar fokussiert auf die Vernichtung eines Charakters (nämlich des Soprans), so dass das, was im Detail unrealistisch ist, im Blick auf das Ganze konsistent wird.

 

Die Musik hat drei Ebenen bzw. Funktionen bzw. Dimensionen bzw. Identitäten. Eine Ebene ist sehr eigenständig und distanziert von der Handlung und den Plots, es sind vor allem sich langsam verändernde Akkorde. Sie basieren auf dem harmonischen Spektrum eines tiefen F, das seine verschiedenen Obertöne öffnet und entwickelt. Dieses Material wird ohne Worte gesungen, es gibt keine sprachlichen Laute, die vorgeben, etwas zu bedeuten, nur ein Wechsel von a und ö, eine Schwingung auf jeder Note, wobei jede Nuance der Veränderung einer Note auch die Farbe eines Akkords verändert. Dem ganzen musikalischen Objekt liegt ein Prozess der Beschleunigung zugrunde, der Auflösung und des Verschmelzens. Dieses Material wird für die Interludes zwischen den gesprochenen Szenen benutzt. Es ist unabhängig und könnte in einem völlig anderen Kontext aufgeführt werden.

 

Das zweite Material hat den Charakter eines Rezitativs. Ich benutze es für den Diskurs, die Konversationen, Diskussionen zwischen den Protagonisten. Dieses Material basiert auf der Rhetorik eines Versteigerers bei Auktionen im Mittleren Westen mit seiner Virtuosität, seinem Nuscheln und seinem jubilierenden Tonfall. Worte auf diese Art zum Erblühen zu bringen, ist schon fast selbst Musik. Dieser vollkommen monodische Stil wird von den anderen Sängern begleitet durch Kommentare, Harmonisierungen etc.

Als dritte Ebene gibt es voraufgezeichnete Sound-Elemente, meist Soundscapes und/oder Sound-Effekte in Verbindung mit dem Animationsfilm.

Schließlich gibt es Verbindungen und eine gegenseitige Durchdringung dieser drei Ebenen. In der letzten Szene zum Beispiel verbinde ich ein Lied von Gabriel Fauré, das für mich eine bourgeoise, Salon-artige, nostalgische Dimension hat, mit einem Mix aus Klängen, Einschüben und Zitaten aus dem Stück.

Ich möchte betonen, dass alle Texte, Ansichten und Meinungen in den drei Libretti gefundenes Material sind. Die Handlung von de Sades La philosophie dans le boudoir habe ich drastisch gekürzt. Für die beiden anderen sammelte ich historisches Material, Interviews, Zeugenaussagen, die ich geschnitten und re-arrangiert habe, ohne irgendetwas Signifikantes hinzuzufügen (außer verbindende Worte). Dies nur für diejenigen, die nicht glauben wollen, dass diese Worte wirklich gesagt oder gehört wurden in unserer Welt: Das hier ist (leider) keine Erfindung und keine Übertreibung. Die Quellen sind größtenteils im Internet auffindbar. Ich habe diese drei Themen gewählt, um unsere eigene soziologische Situation heute zu reflektieren: die ernsthafte Gefährdung von individueller Freiheit und Wahlmöglichkeit.

 

CEOs
Fünf Chief Executive Officers eines großen Wirtschaftsunternehmens, eine Kandidatin für die Leitung der Abteilung für Nachhaltigkeit. Durch ein Headhunting kommt die Leiterin einer NGO mit den Chefs eines großen Unternehmens zusammen. Das Vorstellungsgespräch entpuppt sich als „blackmail“ (Erpressung) oder möglicherweise als „greenmail“ (Androhung einer feindlichen Übernahme). Die Zitate sind vielen unterschiedlichen Quellen aus Zeitungen und Internet entnommen. Sie stammen von Charles Koch (MBM), Alexandre de Juniac (Air France), Patrick le Lay (TF1, französisches Nationalfernsehen), Peter Brabeck-Letmathe (Nestlé), Naomi Klein sowie von anonymisierten Aussagen eines Headhunting-Opfers.

 

Die Philosophie im Boudoir
Drei Libertins, das junge Mädchen Eugenie, ihre Mutter Madame de Mistival, der Gärtner Eine Versammlung von Libertins mit dem Ziel der Initiation von Eugenie, ihrer Belehrung über die Ethik der sexuellen und geistigen Freizügigkeit. Madame M. kommt, um ihre Tochter vor dem Einfluss dieser gefährlichen und unmoralischen Freidenker zu erretten. Sie wird zum Opfer: eine Entpersonalisierung gesellschaftlicher Werte in einer einzelnen Person. Die Texte sind den Werken Die Philosophie im Boudoir und Die 120 Tage von Sodom von Marquis Donatien-Alphonse-François de Sade entnommen. Stammheim 1975 Ulrike Meinhof, Angeklagte im RAF Prozess, der Generalbundesanwalt und die Anwälte der Angeklagten Ein medienwirksamer Prozess, ein Schlagabtausch über Fairness und die Haltung des Staates sowie der Versuch, eine Vorerkrankung der Angeklagten M. gegen sie selbst zu benutzen, um sie als mögliche öffentliche Sympathieträgerin zu desavouieren und ihre Einflussmöglichkeiten auf die Öffentlichkeit auszuschalten. Textgrundlage ist das Protokoll der Gerichtsverhandlung gegen Ulrike Meinhof, ihre Briefe und einige ihrer öffentlichen Statements.


François Sarhan

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