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ECLAT Konzert 9

Stuttgart / Theaterhaus / T2

Dietrich Eichmann: Offener Vollzug für sieben Instrumente (2015) UA
Anna Korsun: UCHT für sieben Instrumente (2015) UA
Boris Filanovsky: Endliche Melodie für sechs Stimmen (2015) UA
Benjamin Scheuer: Kiste für Klavier und Zuspielungen (2015/16) UA
Dror Feiler: 32° 43' Nord 33° 31' Ost. Den 10 gewidmet für sieben Instrumente (2015) UA

 

Florian Hoelscher, Klavier
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Leitung Michael Wendeberg
Neue Vocalsolisten

 

Biographien und Werkkommentare

 

Dietrich Eichmann (*1966 in Erlangen) Der Komponist und improvisierende Pianist wurde schon früh durch Alexander von Schlippenbach, Wolfgang Neuss, Cecil Taylor, Bernd Alois Zimmermann, Luigi Nono und Morton Feldman angeregt. 1986 bis 1992 studierte er Komposition bei Wolfgang Rihm in Karlsruhe, anschließend als Assistent von Frederic Rzewski am Consérvatoire Royal de Musique de Liège. Er gründete das CD-Label oaksmus und organisierte die gleichnamige Studiokonzertreihe in Berlin von 2000 bis 2004. Seine Musiksprache wurzelt im Jazz und in der improvisierten Musik, verbunden mit einer radikalen und kompromisslosen Arbeitsweise als Komponist. Außer mit Musik und der Frage nach ihrer gesellschaftlichen und politischen Notwendigkeit beschäftigt er sich mit dezentralistischen Gesellschaftsmodellen und Permakultur.

 

Offener Vollzug
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Jetzt äußert sich der Musiker selbst. Deutschland ein Sicherheitsproblem. Das betrifft vor allem die politischen oder musikalischen Positionen zwischen Spaß- und Protestkultur. Wut über Weltpolitik und Wirtschaft, und die Hoffnung, sich via Musik eine Existenz zu sichern. Beat, Soul-Beat, Soul-Jazz, Psychedelic-Music, Protestsongs, die sich aber im musikalischen Ergebnis äußern können, wenn ich mich ständig zu jeder politischen Situation äußern sollte.
Aus der Perspektive der (Pop-)musiker ergibt sich folgender (unvollständiger) Fragenkatalog: Welche Beweggründe haben Musiker, sich politisch zu äußern? Macht in C-Dur: Warum klassische Musik schon immer politisch war. Eggert: Schlimmer noch: Diejenigen, die eine politische Meinung äußern, nicht nur in der zeitgenössischen Musik, stoßen immer öfter auf Zensur.
Aber über Politik sollte er besser nicht reden. Da hat er keine Ahnung. Kommen die Künstler aus einem guten Land, müssen sie sich selten äußern. Die deutschen Musikhochschulen sind in dieser Tradition zur Qualitätsmarke geworden.
Warum die Musikwelt mehr Typen wie Herbert Grönemeyer braucht. Sie müssen sich nicht mal zu politischen Debatten äußern.
Was ist Politik, kann man Politik in Musik äußern, gibt es Künstler, die noch richtig ihre politische Meinung in Musik äußern, um damit vielleicht aktuelle Ausdrucksformen politischer Inhalte in Musik und Text und ihrer wichtigsten RepräsentantInnen durchzuführen. Die Verhältnisse rocken – von 15 Bands, die sich in ihren Songs gesellschaftskritisch äußern und/oder attac unterstützen, gehen viele politisch engagierte Musikfans auf das Festival. Äußern sich die Musiker zu IS, Pegida, Klimawandel?
Sollten sich Musiker besser verkneifen, dennoch eine Wohltat. Trotz der aktuellen Bildungsdebatte befürchten Musikverlage eine weitere Positionierung von Musikern bei Wahlen, auch bei den Rappern z.B., die sich äußern zu „Love Music Hate Racism“. Das ist an den Rand geraten, das ist nicht Teil des politischen Diskurses, dass seine Meinung wichtig ist, Politik in der Musik aber nichts zu suchen hat und es nicht die Aufgabe eines Künstlers sei, sich politisch zu äußern.
Aber strebt die Debatte darüber hinaus, ins Außermusikalische, in den gesellschaftlichen Raum, dann äußert er sich selten. Er konnte sich ziemlich abschätzig über Kollegen äußern. Aus der Musik Nonos die rätselhaften Momente genauso wie die politischen Aspekte ausklammere, das Unbehagen an der derzeitigen US-amerikanischen Politik am Institut für Musikwissenschaft der Universität Leipzig eingereicht habe.
Viele Musiker sind bekannt dafür, dass sie gerne ihre Meinung zu politischen Themen äußern. So erhob beispielsweise Miley Cyrus schon ihre Stimme, sich korrekt über Musik zu äußern oder sich in Ensemblesituationen zu verständigen über geschichtliche, biografische, politische und religiöse Hintergründe von Musik.
Der Kompetenzbereich „Musik erschließen“ umfasst die Arbeitsfelder Flüchtlingspolitik der Regierung, Applaus von dem Teil der Bevölkerung, der sich rassistisch äußert: „Ich bring euch alle um.“
Komponisten, Liedtexter und Musiker verstehen sich und äußern sich als politisch. Die Landeszentrale für politische Bildung NRW hat eine Recherche in Bushidos Mordfantasien gegen Politiker: Was darf Musik?
Dietrich Eichmann

 

Anna Korsun (*1986 in Donetsk, Ukraine) ist Komponistin, Dirigentin und Interpretin (Gesang, Klavier) für Neue Musik. Sie studierte 2005 bis 2009 an der Nationalen Musikakademie der Ukraine Peter Tschaikowski und 2010 bis 2012 im Masterstudiengang bei Prof. Moritz Eggert in München. Sie war Stipendiatin der Stockhausen-Kurse in Kürten und der Baltic Youth Philharmonic Meisterklassen in Kaunas/Litauen. 2014/15 war sie Stipendiatin der Akademie Schloss Solitude und 2014 der Cité Internationale des Arts in Paris. Sie gewann u.a. 2014 den Gaudeamus Preis.
Anna Korsun ist Mit-Veranstalterin der Konzertreihe „Evening of Low Music“ in München, der Konzertserie „6+1“ für neue Vokalmusik in Moskau und Kiew sowie der Konzertserie für Orgelmusik „Ereignishorizont“.

 

UCHT
Dieses Stück ist ein abstraktes poetisches Bild, es lädt die Zuhörer zum kleinen Klangabenteuer ein.
Anna Korsun

 

 

Boris Filanovsky (*1968 in St. Petersburg) studierte bis 1995 am Rimski-Korsakow-Konservatorium in St. Petersburg und ab 1998 am IRCAM in Paris und absolvierte Meisterkurse u.a. bei Paul Heinz Dittrich und Louis Andriessen. Von 2000 bis 2012 war er künstlerischer Leiter des eNsemble, dann emigrierte er nach Israel und später nach Deutschland.
Filanovsky ist Mitglied der „Structural Resistance Group StRees“, die sechs bedeutende Komponisten in Russland vereint. Seit 2005 performt er auch als Vokalist/Narrator eigener Kompositionen und von Werken, die russische Komponisten für ihn geschrieben haben. Er bezeichnet sich selbst als „introvertierten Spätzünder“ mit einer „innerlichen, langsam denkenden und fühlenden Maschine“. Eine Art „Opus 1“ schrieb er mit 33 Jahren. Erkennbare künstlerische Markenzeichen sind ihm nicht wichtig, vielmehr möchte er sich in jedem neuen Werk „dis-identifizieren“. „Es ist unglücklicherweise sicher, dass ich nicht identifiziert werden kann – aber glücklicherweise auch lustig.“

 

Endliche Melodie
Momentan traue ich weder dem Singen noch der „rohen“ Stimmhaftigkeit. Ich empfinde beides als Verschleierung und Routine, jedes auf seine Weise. Um diesem Dilemma zu entkommen, dachte ich über ein maskierendes Medium nach, einen äußeren Klangkörper, um die Sänger dagegen ankämpfen oder sich dahinter verstecken zu lassen. So gesehen, empfand ich das Melodion simpel und effektiv. Es verlangt strenge Atemkontrolle, es erlaubt, beide Arten von Klang zu mischen, erlaubt nicht, Vokale zu artikulieren, ermöglicht reiche Harmonien und Multiphonics. Mit anderen Worten das Melodion ist eine Erweiterung der Stimme, die tatsächlich gar nicht erweitert, sondern einschränkt: eine passende kontroverse Kombination.
Was den Titel betrifft: Er ist absichtlich trivial. Jegliche Melodie hat ihr Ende, außer der Unendlichen Melodie; aber sogar in diesem Fall wissen wir, bis wohin sie nicht endet.
Boris Filanovsky

 

 

Benjamin Scheuer (*1987 bei Hamburg) studierte in Hamburg und Karlsruhe, zuletzt bei Wolfgang Rihm. Sein Schaffen umfasst alle wichtigen Gattungen von Orchester- und Kammer- über Vokalmusik bis hin zu Großformen wie Zeitraum (2012) für 600 Spieler im Fußballstadion Hannover. Mit den 2012 bis 2014 durchgeführten „Notfallkonzerten“ leistete er seinen bescheidenen Beitrag zur Rettung der Welt mit Musik von heute. Er lebt und arbeitet als freischaffender Komponist in Hamburg. Als Gründungsmitglied von Musiker ohne Grenzen e.V. reist er regelmäßig nach Ecuador, wo er benachteiligten Jugendlichen Musikunterricht gibt.
In Benjamin Scheuers Musik dreht sich alles um direkt erfahrbare Sinnlichkeit und Humor. Im Alltag gefundene Klänge werden als Objekte direkt auf der Bühne präsentiert oder als Aufnahmen zugespielt. Mit seinem Ansatz der „Live-Elektrik“ werden elektronische Klänge dabei mit den einfachsten und billigst möglichen Mitteln erzeugt. Nicht die Technik, sondern der Mensch in seiner Individualität und Fehlbarkeit steht im Zentrum seines Interesses.

 

Kiste
In der „Kiste“ befinden sich allerlei virtuelle Bausätze, die das Klavier um ein paar Kleinigkeiten erweitern. Oben und unten werden einige Tasten angeklebt, der Pianist bekommt zusätzliche Finger und starre Töne werden aufgeweicht und gedehnt. Manchmal haben wir es mit hocheffizienten Prothesen zu tun, in anderen Fällen müssen wir aber auch mit alten Krücken vorlieb nehmen.
Benjamin Scheuer

 

 

Dror Feiler (*1951 in Tel Aviv) kam 1973 zum Musikwissenschafts- und Kompositionsstudium (u.a. bei Brian Ferneyhough) nach Schweden und lebt in Stockholm. Er ist ein herausragender Vertreter der schwedischen Improvisationsszene und plädiert für die Ebenbürtigkeit von Komposition und Improvisation, die er als „Emanzipation in einer bürokratischen, technokratischen Gesellschaft“ ansieht.
Als Künstler und als politischer Aktivist engagiert sich Dror Feiler, der mit seiner kompositorischen Arbeit konsequent auf die „dunklen Seiten des Lebens“ verweist, für die Rechte der Palästinenser in seinem Heimatland und organisierte unter anderem das „Ship to Gaza“. Ein Angriff der israelischen Armee auf das Schiff forderte im Jahr 2010 zehn Todesopfer. Ihnen ist sein aktuelles Werk für ECLAT gewidmet, es entstand im Herbst 2015 unmittelbar nach seiner jüngsten Aktion vor der israelischen Küste im Mittelmeer.

 

Musik als ein brutal sentimentales Konzept
Meine Musik als brutal sentimentales Konzept basiert auf dem vereinheitlichenden Prinzip von „Klang als Form“. Sie ist eine Art von Wandteppich, gewoben aus widersprüchlichen, kalkulierten Klangwolken (und gelegentlich melodischen Fragmenten), innerhalb derer jeder einzelne Ausdruck das abwesende Ganze widerspiegelt. Die Musik wird nie eindeutig definiert, sondern sie fluktuiert ununterbrochen zwischen den verschiedenen Schichten der Komposition. Als Folge treibt der Zuhörer mit einem instabilen Kompass auf einem wogenden Klangmeer. Meine Musik zieht ihre Kraft aus ihrer eigenen Unvollständigkeit, ihrer unvermeidlichen Uneindeutigkeit, Undurchsichtigkeit und ihren Widersprüchen. Anstatt eines nutzlosen Versuchs, eine Art von Klarheit durch präzise Strukturen und Kompositionsmethoden zu schaffen, verlässt sich die Musik auf ihre eigene ästhetische Natur, um ihre Essenz zu behaupten.
Meine Intention ist eine chaotische, unvollständige Form als Kontrapunkt zur positivistischen, gut gepflegten und vollständigen Form. Das Ziel ist nicht, eine Art von Formlosigkeit oder einen „einfachen Kontrasteffekt“ zu verfechten, sondern die unvermeidlichen Konsequenzen einer aporetischen Situation, in der Komposition sich befindet, zu akzeptieren. Das Problem besteht darin, ein Gleichgewicht zwischen der Nutzlosigkeit und der Notwendigkeit des Strebens nach Klarheit und Solidität beim Komponieren zu finden. Das Resultat ist „Noise“ als eine Form des brutal sentimentalen Konzepts, das frei ist von vorgefassten Ideen über sich selbst oder seine Antithese.
Noise, im weitest denkbaren Sinn, ist eines der zentralen Elemente des brutal sentimentalen Konzepts. Die grobe Rohheit und die sentimentalen Melodien der Musik sind ein Versuch, die Art und Weise des Zuhörens zu verändern. Noise und Melodie als Teil eines Klangobjekts außerhalb des gewohnten Kontexts wahrgenommen ist konfrontativ, affektiv und transformativ.
Das hat eine Schockwirkung und befremdet den Zuhörer, der von Musik ein ruhiges Fließen, eine sichere Vertrautheit oder irgendeine Art von Besänftigung erwartet. Noise als brutal sentimentales Konzept politisiert die Hörumgebung. In der Musik liegt der Schwerpunkt auf dem Verhältnis der unterschiedlichen Tonhöhen und Dauern einer Note, die zu Melodie und Harmonie führen, und auf dem Timing von Ereignissen, musikalischen Klängen und Stille, die Rhythmus ergeben. In meiner Musik gebe ich anderen Dingen Gewicht, nämlich dem Gegenüber von Präzision und dem Unpräzisen im Klang sowie dem Verhältnis zwischen synchron und asynchron.
Der Übergang von Unordnung zur Ordnung in der Musik kann interessant sein, aber mich interessiert noch mehr, von Unordnung zur noch größerer Unordnung zu gehen. Meine Musik mag schwierig sein, im gleichen Sinne wie Adorno die Musik von Schönberg als schwierig empfindet: nicht weil sie prätentiös oder obskur ist, sondern weil sie die aktive Beteiligung des Zuhörers fordert (wie auch von den Spielern, die selbst Zuhörer sind). Als ein brutal sentimentales Konzept, das durch Noise als Form organisiert ist, fordert diese Musik die höchste Aufmerksamkeit auf simultane Multiplizität, den Verzicht auf die maßgefertigten Krücken des Zuhörens und die intensive Wahrnehmung des Einzigartigen und Spezifischen. Je mehr sie den Zuhörern gibt, desto weniger bietet sie ihnen an. Sie fordert vom Hörer, selbst eine innere Bewegung zu komponieren und setzt nicht bloßes Beobachten, sondern Praxis voraus.
Dror Feiler

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